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Susanne Hauser
Zeitfedern und Wasserhörrohre
Ulrike Böhmes Erkundungen von Prozessen und Orten
I
Ruft man die homepage von Ulrike Böhme auf, so steht da lapidar und zu allererst:
"ulrike böhme - art in public spaces". In der Tat, die meisten ihrer Arbeiten
sind für öffentliche Räume entstanden, doch für Orte besonderer Art: Oft sind
es solche, die als öffentliche Räume durch ihre künstlerische Intervention
überhaupt erst verständlich werden.
Viele dieser Orte finden sich an Stellen, die üblicherweise in keiner Hinsicht
auffallen, bis sie in den Blick von Ulrike Böhme geraten. Bis dahin sind es
Orte, die durch alltägliche beiläufige Nutzung übersehen werden, oder aber
Situationen, die durch ihre Funktionalitäten und Prozesse vollkommen ausbuchstabiert
scheinen. Über die Projekte erst werden sie überhaupt gefunden und als öffentliche
Räume erfunden, als Räume mit bemerkenswerten Prozessen, interessierenden
Eigenschaften und nie geahnten Optionen.
Dazu können beispielsweise Großbaustellen, Tiefgaragen, Schnellstraßen oder
Brücken gehören. Sehr präzise künstlerische Eingriffe zeigen sie als alltägliche
und gleichzeitig besondere Plätze vor, reichern sie an, enthüllen ihre Fähigkeiten,
manchmal gar ein poetisches Potenzial. Die Orte werden zusammen mit ihrem
Umfeld kenntlich und als Teile spezifischer Situationen wahrnehmbar - so beispielsweise
im Jahr 2000 eine Brücke über einen Fluss in Braunschweig: Auf beiden Seiten
montierte Ulrike Böhme je ein janusköpfiges Lichtobjekt. Sichtbar vom Fluss,
vom Ufer oder einem Boot, war ein Bild der befahrenen Straße, sichtbar von
der Brücke das Bild ruhig fließenden Wassers.
II
Das Konzept des öffentlichen Raumes ist ein städtisches Konzept, und so erwartet
man künstlerische Objekte oder andere Arten der künstlerischen Intervention
im öffentlichen Raum vorzugsweise in Innenstädten oder kleineren städtischen
Kernen, als Teil von Platzgestaltungen, als Beitrag zur ästhetischen Aufwertung
neuer oder älterer Siedlungen. Manche Arbeiten Ulrike Böhmes entsprechen dieser
Erwartung und haben sich in städtischen Kontexten, in architektonischem Maßstab
oder auch in Bezug auf Innenräume entwickelt. Doch sind die Maßstäbe variabel
und die Orte müssen nicht in der Stadt sein. Künstlerische Interventionen,
die Orte erzeugen, mit denen es sich zu befassen und zu identifizieren lohnt,
gibt es auch andernorts, in Dörfern, in urbanisierten Landschaften oder etwa
entlang eines Flusslaufs. Auch hier können künstlerische Interventionen öffentliche
Räume erzeugen, indem sie vielschichtige Angebote zu ihrer Wahrnehmung und
Aneignung machen.
Manche Arbeiten Ulrike Böhmes erreichen die Größenordnungen kommunaler Planungskontexte.
In Strömen, eine Ausstellung im Rahmen
der Bergischen EXPO und der Regionale 2006 in Nordrhein-Westfalen, ist ein
Projekt in diesem Format: Hier kuratierte Ulrike Böhme eine Ausstellung, für
die neun Kunstprojekte realisiert wurden, die entlang eines ehemals als Wasserversorgung
der anliegenden Industrie bedeutenden Flusses zu erwandern waren. Ein eigenes
Kunstprojekt, auch im Rahmen der Regionale umgesetzt und darüber hinaus fortgeführt,
hatte ebenfalls größere räumliche Dimensionen. Es erstreckte sich entlang
der Flussläufe von Wupper und Eschbach im 1000wassertal,
erschloss das große Gebiet in seiner Ausdehnung jedoch über die genaue Fokussierung
der darin an besonderen Plätzen zu machenden Erfahrungen. Wassersehrohre,
Wasserhörrohre und Regenhörtonnen, Objekte aus Stahl, die konzentrierte
Wahrnehmungen von Wasser, seiner Bewegung oder auch seinem Klang, ermöglichen
sollten, strukturierten die Wege. Sie machten das Wasser in seinen vielen
Gestalten, Qualitäten und Verhaltensweisen wahrnehmbar und benennbar. Zum
Projekt gehört auch ein Wettbewerb, in dem künftig Namen für die 1000 besonderen
Wasserorte des 1000wassertals erfunden werden sollen.
III
Prozesse sind in den Arbeiten Ulrike Böhmes wichtig, ob es nun um Materialien,
Dinge, Bauten, Konzepte oder um Austausch, Kommunikation und Beziehungen zu
Orten geht. Vor allem aber geht es immer wieder und in nahezu allen Projekten
in unterschiedlicher Ausprägung um - Zeit.
Eine der ersten größeren, noch einem konventionelleren Werkbegriff verpflichteten
Arbeiten, die Brandwand von 1992, entstanden
für die Württembergische Gebäudebrandversicherung, ist schon unter diesem
Aspekt zu lesen. Sie besteht aus zwölf Stelen aus verbrannten Hölzern und
ausgeglühten oder geätzten Metallen. Sie thematisiert Vergänglichkeit über
die Spuren der Zerstörung und stellt die eigenartige und faszinierende ästhetische
Anmutung des Materials nach der ruinierenden Behandlung aus.
1998 entstand das Projekt Zeitfedern. Sein
Ort ist das weite und hohe überdachte Atrium des Verwaltungsgebäudes der Württembergischen
Versicherung in Stuttgart. An jedem Tag, an jedem Arbeitstag, schweben hier
sieben gläserne Federn sacht und gemächlich von oben nach unten, eine erst
mit einiger Übung und Aufmerksamkeit zu lesende Uhr, die einen im Tagesrhythmus
wiederkehrenden, langsamen, ebenso zarten wie unerbittlichen Prozess vorführt.
Diese Uhr ist überaus geeignet, in den umliegenden Büros mögliche Zeiterfahrungen
von extremer Zeitknappheit bis zu sich dehnenden Stunden zu kommentieren und
fügt ihnen das Bild eines kontinuierlichen und ruhigen Prozesses hinzu.
Die Zeit, die es "gibt", die wichtigste Zeit ist "jetzt". Diese Erkenntnis
hat Ulrike Böhme in einem Langzeitprojekt zwischen 1999 und 2002 umgesetzt:
Geschichtsbilder - baustellenbegleitende Zeitarbeiten für das Haus der
Geschichte Baden-Württemberg, Stuttgart. Das zentrale Objekt dieser Arbeit
war eine Fahne, orange, 420 auf 500 cm groß, auf der das Wort "JETZT"
prangte und die alle 14 Tage auf die Baustelle kam, um vom immer gleichen
Standort aus mitsamt dem Baufortschritt abgelichtet zu werden. 64 prints,
30/40 cm, die, gelesen in der Reihenfolge ihres Entstehens, wie im Zeitraffer
64 Zustände des entstehenden Hauses der Geschichte zeigen, sind das fotografische
Ergebnis der Arbeit. Am Ende des Prozesses, zur Eröffnung des Hauses, gab
es sie verkleinert als Daumenkino.
IV
Wie lässt sich Zeit markieren, ihr Verrinnen aufzeichnen und der Reflexion
öffnen? 1996 hat Ulrike Böhme diese damals die Künste vielfältig beschäftigenden
Fragen in einem komplexen und spielerischen Projekt beantwortet. Es führte
unterschiedlichste Strategien zur Darstellung von Zeit, zur Erzeugung von
Gedächtnisspeichern und zum Umgang mit Erinnerungen vor. Der Ort der Realisierung
von Zeitzeichen war die Baugrube für eine
Tiefgarage unter einem neuen zentralen Platz in Gerlingen. Die Installation
war temporär und stand also gleich selbst unter den Vorzeichen ihres absehbaren
Verschwindens. Heute zeugen nur noch schriftliche und bildmediale Aufzeichnungen
des Projekts von ihr.
Spiegelbänder in den bereits begehbaren unterirdischen Gängen der Garage waren
mit ausgewählten klassischen Sentenzen über die Zeit beschriftet. Leser und
Leserinnen sahen sich so im Moment ihrer Lektüre alter und neuerer Reflexionen
zur Zeit gleich mit reflektiert. Fordernde und hehre Worte wie Erfolg,
Willenskraft, Edelmut waren auf Bausprieße, also Stahlstützen
geschrieben, die bald wieder, nach dem Ende ihrer Funktion auf dieser Baustelle,
zerstreut und auf anderen Baustellen gebraucht werden würden. Die Namen der
Geburtsorte der Handwerker, Bauarbeiter, Architekten und Bauherren erschienen
wie die Namen von Erinnerungsstätten in einem Denkmalraum an den Wänden der
entstehenden Garage, um wieder übertüncht zu werden. Ein Scheinwerfer bestrahlte
in einem ansonsten dunklen Raum einen Textausschnitt aus Friedrich Hölderlins
"Hyperion": "Aber es geht alles auf und unter in dieser Welt …" - und oberirdisch
gab es eine riesige Sanduhr in Form eines Stofftrichters, der 92 Minuten verrinnende
Zeit in 92 Minuten herabrieselnden Sand übersetzte.
V
Besonders in den neueren Projekten Ulrike Böhmes sind Prozesse zentral, in
denen sich Orte mit Gefühlen und Handlungen verbinden. Das Ritual ist eine
der Formen, in der eine wiederholte Vergegenwärtigung eines immer Gleichen
möglich ist: Mit jeder Wiederholung werden auch die fundierenden Bedingungen
des Rituals bestätigt. Ritualisierungen bieten insofern ideale Voraussetzungen,
um Orte, soziale Gruppen und Handlungen miteinander in längere Zeiten überdauernde
Beziehungen zu bringen.
Wo allerdings Rituale entleert, zur unbestimmten historischen Referenz geworden
und zum unbekannten Anlass von Events mutiert sind, haben sie ihre aktualisierende
Kraft verloren. Ulrike Böhme ist kaum an alten Ritualen, wohl aber am Prinzip
der Ritualisierung und ihren möglichen Anlässen interessiert. Ritualisierung
zeigt sich in ihren Arbeiten als ein Mittel, aktuelle Identifikationen und
heute bedeutsame Erinnerungen zu erzeugen und sie in lebendige Traditionen
zu übersetzen. Deshalb werden alte Rituale kritisch untersucht, neue Formen
für alte Anlässe entwickelt und, wo Rituale zu fehlen scheinen, gänzlich neue
unter Einbeziehung und Beteiligung der an ihnen Interessierten gestaltet.
Das Projekt Wachstumszeichen auf der Baustelle
des Rathauses Bad Rappenau beispielsweise begleitete von 1999 bis 2001 den
Bauprozess und gab den Anlässen älterer Rituale, dem Spatenstich, der Grundsteinlegung,
dem Richtfest und der Einweihung, jeweils eine neue Gestalt. Im Projekt Safe
von 2002 ist ein gläserner Behälter, in den Stuttgarter Bürger und Bürgerinnen
Objekte legen konnten, zum Grundstein der Neuen Galerie in Stuttgart geworden.
Das Projekt zur Grundsteinlegung der Neuen Bibliothek in Stuttgart schlug
2008 in Form eines mit weißem Marmorsand bedeckten Feldes über der zu bebauenden
Fläche eine symbolische neue Seite auf. Die weiß markierte Seite
1 hatte die Maße einer in Länge und Breite jeweils um den Faktor 100 verlängerten
DIN-A4-Seite, die beim ersten Beschreiben, dem Spatenstich in Form einer großen
"1", den dunklen Grund darunter freigab.
Ein langfristig angelegtes Ritual, das eine gänzlich neue Erfindung darstellt,
ist das Ergebnis eines Prozesses, den Ulrike Böhme unter reger Beteiligung
der fünf Dörfern konzipiert und gestaltet hat, die nach einer Gebietsreform
zusammen den Namen "Hohenstein" tragen. Diese Dörfer auf der Schwäbischen
Alb haben zwar seit einigen Jahren eine gemeinsame Verwaltung, aber keine
gemeinsame räumlich definierte Mitte, auch keine Voraussetzungen, sie in einer
räumlich artikulierten Form zu schaffen. Ein Ergebnis des spannenden Prozesses
in Hohenstein, der die Frage nach der Mitte einer Lösung zuführen sollte,
ist der HohensteinTISCH.
Seit 2003 gibt es in jedem einzelnen der fünf Dörfer an einem jeweils zentralen
Ort zwölf Holzsitze auf einer Betonplattform. Es gibt jedoch nur einen Tisch,
der allen Dörfern gehört und in dessen Platte das Straßennetz eingeschnitten
ist, das sie miteinander verbindet. Im neu kreierten Ritual ist dieser Tisch
das zentrale Objekt, das jedes Jahr einmal, beim großen und vielfältig ausgestalteten
HohensteinTISCHfest im Juni, seinen Platz wechselt und von einem Dorf als
Gastgeschenk an ein anderes weitergereicht und zwischen den zwölf Sitzen aufgestellt
wird. Auf ihnen nehmen der gemeinsame Bürgermeister, ein Ehrengast - im ersten
Jahr war das die Künstlerin - und je zwei Abgeordnete aus jedem der Dörfer
Platz. Der erste vollständige Zyklus dieses Rituals dauert, bis jedes Dorf
jedem anderen einmal den Tisch gebracht hat, zwanzig Jahre - und könnte dann
auch ohne weiteres wieder von vorne beginnen.
Susanne Hauser ist Professorin für
Kunst- und Kulturgeschichte im Studiengang Architektur der Universität der
Künste Berlin. Buchpublikationen u.a.: Metamorphosen des Abfalls. Konzepte
für aufgegebene Industrieareale (2001); Spielsituationen. Über das Entwerfen
von Städten und Häusern (2003); Ästhetik der Agglomeration (2006); Kulturtechnik
Entwerfen (2009).