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Beat Wyss
Kaléo!
Für Ulrike Böhme
Dass Kunst von Können komme, muss einem Publikum, das dem Neuen gegenüber
aufgeschlossen ist, als blöde Binsenwahrheit vorkommen. In der Tat wendet
sich der Spruch im Mund von Banausen nur zu häufig gegen Unverstandenes: dass
das, was jene neumodischen Künstler da machen, keine Kunst sei, denn das könne
ja jeder. Sehen wir ab von der missbräuchlich bequemen Anwendung des Spruchs,
so steckt in der Auffassung von Kunst als einem Können ein Sinn, der nicht
nur an den Gleichklang im Deutschen gebunden ist. Wir finden die verwandte
Wurzel auch im Lateinischen: Artificium, ein Kunstwerk, ist alles,
was von der Geschicklichkeit des Menschen zeugt, die schlicht vorhandene Natur
sich und seinesgleichen näher zu bringen: als Werkzeug, zu Genuss, Lehre und
Erbauung.
Die Herkunft des Wortes besagt es: Kunst ist etwas Gemachtes. Am schönsten
drückt sich die Bedeutung im Griechischen aus, an das sich unsere "Poesie"
anlehnt: das griechische Wort für Dichtkunst, heißt wörtlich "Machwerk".
Aber was soll die Künstlerin, der Künstler denn machen? Auch hier begegnen
wir einer landläufigen Meinung: Sie sollen Schönes erzeugen. Wenn damit das
Gewohnte, Gefällige, das harmlos Hübsche gemeint ist, wäre das eine zweite
Binsenwahrheit. Auch hier lohnt es sich aber, hinter die Oberfläche des Wortes
an dessen Quelle zurückzukehren. Im Griechischen heißt das Schöne "ich rufe".
Es war Pseudo-Dionysius Areopagita, der diese Verbindung hergestellt hat,
wenn er in der Schönheit jene ordnende Kraft erkennt, die alles zu sich ruft.
So sehr dieser spätantike Text ein Vermögen des christlichen Glaubens auslegt,
sein Begriff des Schönen geht auf Platons Ideenlehre zurück, und die ist einiges
deftiger als geistliche Liebe. "Wer den rechten Weg gehen will", wird Sokrates
von der weisen Diotíma belehrt, "muss in seiner Jugend beginnen, sich den
schönen Leibern zuzuwenden; und zwar soll er sich, wenn sein Führer ihn richtig
führt, zuerst in einen einzelnen schönen Körper verlieben und dabei schöne
Gedanken zeugen; dann aber begreifen, dass das Schöne am einen Körper dem
Schönen an einem anderen Körper verschwistert ist, und dass, wenn es um das
Schöne als Idee geht, es eine Torheit wäre, Schönheit an allen Leibern nicht
für eine und dieselbe zu halten."[1]
Das Schöne weist also den Weg vom Objekt der Begierde zu dessen Idee. Der
Genuss des Schönen öffnet eine Schleuse von den Körpern zum Geist. Schönheit
steckt nicht im edlen Material, beruht nicht auf der Harmonie von gelungenen
Proportionen und erschöpft sich nicht im erfüllten Zweck des geschaffenen
Gegenstandes. Das Schöne ist keine abstrakte Norm, sondern eine Energie, die
mit der Liebe Lust auf Wahrheit erzeugt. Die erotologische Selbstbegründung
der Philosophie bleibt bis in die Moderne verbindlich. Edmund Burke nennt
Schönheit eine Kraft von sozialer Qualität, die das Gefühl für Gemeinschaft
stiftet. In diesen langen Chor der Rufenden stimmt Ulrike Böhme mit ein. Sie
ist eine Macherin, die uns zusammenbringt, um Orte ins Gedächtnis zu rufen,
an denen wir ohne ihr Dazutun nur Alltäglichkeit feststellten. Ihr Eingriff
aber verwandelt das gewöhnlich Zuhandene in die Poesie öffentlich geteilter
Erfahrung.
Zürich, im VIIber 2009, Beat Wyss
[1] Platon, Symposion, ed. steph. 210 b.